felix klopotek
sozialismus, baby
"Am 9. November 1989 hat in Deutschland die Konterrevolution gesiegt. Ich
glaube nicht, daß man ohne diese Erkenntnis in der Zukunft wird Bücher
schreiben können."
Ronald M. Schernikau, Rede auf dem Kongress der Schriftsteller der DDR, 1. bis
3. März 1990
"Jetzt, wo alles zum Schlechtesten geraten ist, stellen sich die Fragen
neu. Manche stellen sich gar nicht mehr, etwa die nach einer ständig sich verschlecht- ernden
Zukunft. Den Nordamerikanern gehört der Persische Meerbusen,
auf einen räudigeren Hund kann die Welt nicht kommen. Sehen Sie, wenn man
einmal unten ist, ist man durch."
Peter Hacks, Die Schwärze der Welt im Eingang des Tunnels, Konkret 1/ 1991
Mal angenommen, Pop funktioniert gar nicht im Kapitalismus, sondern nur im
Sozialismus. Dann wäre das, über das wir unablässig emphathisch
schreiben, nichts anderes als der metaphysische Schund der Kulturindustrie.
Alles ein großer, schrecklich bunter Irrtum. Und der einzige Ort, an dem
zumindest die Bedingungen der Möglichkeit von Pop, von Glam und Camp und
der Versöhnung von Anders-Sein und Masse-Sein gegeben wären, wäre
die DDR gewesen.
Um das auf die Reihe zu bekommen, muss man ein bisschen ausholen, aber es soll
nicht zu Ihrem Schaden sein: Peter Hacks ist der bedeutendste Dramenschreiber
der DDR. 1955 emigriert der Westdeutsche in die DDR, übrigens gegen den
Rat von Bertolt Brecht. Schon bald emanzipiert er sich von dem engagierten Theater
Brechts und beginnt eine postrevolutionäre Dramaturgie, besser: eine sozialistische
Klassik zu entwerfen. Hacks nimmt dabei den historischen Materialismus beim
Wort: im Sozialismus machen die Menschen ihre Geschichte nicht nur blind, rücksichtslos
vergesellschaftet durch den freien Markt, sondern entwerfen ihr Dasein und somit
ihre Geschichte autonom. Für die Literatur, für Kunst im allgemeinen
hat das dramatische Konsequenzen: sie ist ihren bisherigen Zwecken, zur kapitalistischen
Ausbeutung entweder den schönen Schein oder die revolutionäre Gegenpropaganda
zu liefern, entbunden. Sie hat erstmals die Möglichkeit, sich allein dem
Menschen, der nun seinem eigenen Begriff entspricht und nicht dem des freien
Marktes, zu widmen. Natürlich gelingt diese Literatur auch in der DDR nicht:
Hacks ist sich sehr wohl bewusst, dass der Westen alles dran setzt, dass sich
der Sozialismus, von Hacks auf die Formel: "Staatsmacht + Produktivität"
gebracht, nicht entwickeln kann, im Prinzip eine Entwicklungsdiktatur bleibt
- nicht zuletzt begünstigt durch die Dummheit und Spießigkeit der
regierenden Kommunisten.
Trotzdem gelingt Hacks Grossartiges. Wer etwa seine Gedichte oder seine theoretischen
Essais liest, reibt sich die Augen: so ein straightes, von keinerlei Manierismen
und Eitelkeiten verfettetes Deutsch hat man bislang nicht gelesen. Hacks schreibt
auch Kinderbücher. Eines handelt von dem Mädchen Meta Morfoss und
seiner Tante Herr Mafrodit, die Bart hat. Meta hat die Eigenschaft, sich in
all das zu verwandeln, wozu sie gerade Lust hat: Kugelschreiber, Krokodile,
Muscheln. In dem Buch werden die Abenteuer Metas erzählt und wie sie einmal
von ihrer Tante in einer etwas heiklen Situation herausgepaukt wird. Der Typ,
der sich über Metas andauernde Morphosen beschweren will, ist von der Schnurrbart-Tante
so irritiert, dass er sie leicht verzweifelt mit Frau Mafrodit anspricht. Nein,
es heißt natürlich: Herr Mafrodit. Die Geschichte ist so selbstverständlich
und unkompliziert und amüsant erzählt, dass man nur staunen kann.
So kann also die Dekonstruktion von Geschlechter- rollen auch funktionieren, geschrieben
in der DDR, 1975.
In den 80er Jahren nimmt ein junger Kommunist aus West-Berlin mit ihm Kontakt
auf: Ronald M. Schernikau. Schernikau studiert in Leipzig Literatur, hat als
19jähriger 1979 eine kleine Coming-Out Sensation, Kleinstadtnovelle, veröffentlicht,
schreibt für linke und schwule Zeitungen schöne Porträts über
Schauspielerinnen und Free Jazzer und arbeitet mit grosser Disziplin an einer
Mammut-Montage: über Berlin, die Zukunft des Kommunismus, die notwendig
dumm-machende Arbeit in der Partei (nicht weil die Partei dumm ist, sondern
die Wirklichkeit), die Liebe, oh ja: die Liebe. Ein Kapitel heißt: Und
als der Prinz mit dem Kutscher tanzte, waren sie so schön, dass der ganze
Hof in Ohnmacht fiel.
Wie bei Hacks' Kinderbuch ist das Anders-Sein nicht peinlich oder kitschig. Aber
bei Hacks speist es sich aus der Position der Selbstverständlichkeit, der
Souveränität ("Staatsmacht+Produktivität"). Bei Schernikau
ist die Darstellung der Differenz charmante Attacke und kühner Entwurf,
ein Kredit, den er auf den noch zu errichtenden Sozialismus nimmt und mit dem
er hoch pokert.
Legende wird das Buch heissen, das erst im letzten Winter, 9 Jahre nachdem Schernikau
an den Folgen von AIDS gestorben ist und über 10 Jahre nach seiner endgültigen
Emigration in die DDR, in einem kleinen Verlag veröffentlicht werden kann.
Wer will sich schon von jemandem, der mit links Camp-Sein und Kommunismus zusammenbringt,
ebenso sehr sich als Dandy inszeniert wie sich in mühseliger Parteiarbeit
aufreibt, Bescheid sagen lassen? Zumindest keiner von den größeren
Verlagen.
Während Hacks ein, sagen wir: Songwriter ist, jemand, der EINEN Gedanken
aus EINER Form heraus entwickelt, der in seinen Erzählungen die Handlungsstränge
genauestens aufeinander abstimmt und eine Ahnung von dem vermittelt, was Ordnung
jenseits von Repression heißen kann, arbeitet Schernikau wie ein Produzent.
Er baut seine Geschichten um einzelne Ideen herum, montiert sie dann, setzt
wieder von Neuem an, arrangiert sie zu einem Bogen, der aber nur im Medium der
Collage, des Auseinandergerissenen und Wiederzusammengesetzten aufscheint. Schernikau
benutzt Samples, integriert und dokumentiert Fremdmaterial, verlässt die
Spur und fängt an Lyrik zu schreiben. Anders gaesagt: Hacks arbeitet horizontal,
Schernikau vertikal. Die Beschädigungen und Verwerfungen, die der Kapitalismus
seinen Insassen zufügt, sind in seinem zersplitterten wie gigantomanischen
Werk reflektiert. Hacks dagegen hat, was Schernikau nicht haben kann: zumindest
einen Vorgeschmack von Sozialismus. In den Genuss einer ansatzweise sozialistischen
Literatur kam er nicht mehr, am 1.9. 1989 wurde er DDR-Bürger. Der Rest
ist Niedergang. Heute nennt Hacks seine Theaterarbeiten nicht mehr Dramen, sondern,
so profan wie die Realität, Stücke.
Was das Pop mit zu tun hat? Pop als Kunst und als Geste der Affirmation, das
hätten Hacks und Schernikau sofort unterschrieben. Noch mal Schernikau
auf dem Schriftstellerkongress: "Wir werden uns wieder mit den ganzen uninteressanten
Fragen auseinander zu setzen haben, etwa: Wie kommt die Scheiße in die
Köpfe? (...) Das Einzige, das mich interessiert bei der Arbeit, ist: Etwas
loben können. Ich hasse Negation." Pop, als Fest der Entgrenzung,
bei der alle vor dem DJ gleich sind, ist, nimmt man die Maßgaben der Kunst,
wie sie von Hacks und Schernikau vorgegeben wurden, ernst, nur in einer Gesellschaft
möglich, die ihre Beziehungen autonom, selbstbestimmt, regelt. Im Kapitalismus
mögen zwar alle vor dem DJ gleich sein, aber eben nicht vor dem Türsteher.
Das ist der Punkt. Wenn wir uns also mit dem auseinandersetzen, was wir so leichthin
Pop nennen, dann doch bitte unter der Perspektive der Beschädigung, der
Brüchigkeit und der fortwährenden Exklusion von anderen. Die Literatur
von Hacks und Schernikau kann da nur helfen: Hacks' Erhabenheit (ein an sich
prätentiöser Begriff, bloß hier nicht) weist auf die Defizite
und die Leerstellen, mit denen wir zu tun haben. Das ist das eine. Das andere:
Schernikau leuchtet in immer neuen Anläufen, in immer irrsinnigeren Verwinkelungen
und Verwicklungen die Flucht- und die Affirmationsmöglichkeiten einer revolutionären
Kunst aus. Man sollte sich von beiden Herangehensweisen abwechselnd den Kopf
waschen lassen. Den Optimismus gibt es Gratis: "Wenn man einmal unten ist,
ist man durch."
aus: spex